Schnellschachweltmeisterschaft

Autor: Daniel Fuchs - Eingestellt: B. Herlemann
Datum: 26.10.2015 - Letzte Änderung: 27.10.2015 12:45
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Mein Turniertagebuch durch die FIDE World Rapid and Blitz World Championship und durch die zweite Weltmeisterschaft für Menschen mit Behinderung.

Als ich die Zusage zu beiden Turnieren erhielt war mir klar, dass ich darüber schreiben möchte. Schließlich erlebt der durchschnittliche Schiedsrichter nicht alle Tage, dass er binnen zweieinhalb Wochen Schiedsrichter bei zwei Weltmeisterschaften wird. Gleichzeitig möchte ich auch zeigen, wie der Turnieralltag für einen Schiedsrichter bei einer solchen Weltmeisterschaft aussieht.

Wie für ein Tagebuch üblich schreibe ich hier meine subjektive Meinung und Empfindungen während der beiden Turniere. So wie ich Sie empfunden habe als Schiedsrichter und Schachspieler, der ich bin. Die Notizen dazu habe ich mir meist schon während des Turniertages auf irgendwelchen Schmierzettel gemacht und sie dann abends oder am nächsten Morgen in mein Büchlein geschrieben. Viel Spaß beim Lesen.

Freitag, 09.10.2015 Berlin ich komme

Heute ist der Tag der Anreise. Etwa vier Wochen ist es her, dass ich von meiner Nominierung erfahren habe. Klaus Deventer als Hauptschiedsrichter hat mit der Organisation einiges um die Ohren. Ich habe ihm angeboten ihn zu entlasten. Er hat allerdings abgelehnt. Trotzdem habe ich einige Namensschilder für die mir bekannten Schiedsrichter fertigen lassen. Vielleicht brauchen wir sie ja. Wenn nicht, dann haben meine Kollegen wenigstens ein Andenken.

Der Wecker hat heute morgen um Viertel nach sechs geklingelt. Um 7:24 Uhr fährt der Zug nach Berlin in Offenburg ab. Duschen, Anziehen, Zähne putzen, eine Tasse Kaffee und es geht los. Zehn nach sieben sind wir in Offenburg angekommen. Ich verabschiede mich von meiner Frau. Jetzt sitze ich in meinem Abteil, schreibe diese ersten Seite und bin gespannt was auf mich zukommt. Das erste Meeting ist um 17 Uhr.

17 Uhr. Das Arbiters Meeting war ernüchternd. Kein bisschen professioneller als in der ersten Bundesliga. Anschließend war die Eröffnungsfeier. Es gab hervorragende Canapes aber eine schwache Eröffnungsrede von Präsident Bastian. Die des FIDE Präsidenten war deutlich besser. Sowohl im Englischen als auch in der Aussage. Dann kam der Film „Pawn Sacrifice“. Mir gefällt der Film nicht so gut. Die Schachspieler werden als sozial inkompatible Nerds dargestellt.

Kommen wir nochmal zum Turnier. Der Turniersaal ist tendenziell zu klein. Die Ergebnisübertragung ist noch nicht sichergestellt. Das wird spannend.

Es ist 23 Uhr. Abendessenszeit. Bei Leberkäse und Maßbier wird der Tag Revue passieren gelassen. Anschließend noch meine Pakete bei der Packstation in Berlin abgeholt. 0:30 Uhr ins Bett. Es geht um 10 Uhr zum nächsten Meeting.

Samstag, 2. Tag
Heute ist die erste Runde. 10 Uhr ist Meeting, anschließend bereiten wir wir den Saal vor und Startschuss. Ich bin gespannt.

Sonntag, 3. Tag
Puh, war das gestern anstrengend. Aber eins nach dem Anderen. Zunächst ging es mit dem üblichen Orga-Chaos los. Bei der Akkreditierung wurden die Spieler nicht den einzelnen Turnieren zugeordnet. Daher wussten wir nicht, ob die Spieler, die da sind auch im Schnellschach spielen. Manche wollen ja nur blitzen. Durch den massiven Einsatz des Orga-Teams, sowie Frank (Jäger) dem Pairing Officers und Klaus (Deventer) dem Chef konnte wir mit nur 15 Minuten Verspätung starten. Vorher war noch das Arbiters Meeting, welches Recht kurz ausfiel. Danach den Turniersaal vorbereiten. Das war kein Problem und ging schnell. Anschließend das Playersmeeting. Klaus erklärt den Spielern die wichtigsten Punkte. Mit dabei war  Jeffrey Bok, der Verantwortliche der FIDE für Großturniere, der auch schon beim Arbiter-Meeting dabei war. Das Schiedsrichterniveau ist außergewöhnlich hoch. Es gab dort noch einen kleinen Disput zwischen Jeffrey und Klaus, wer denn am Brett entscheidet. Dieser endet schnell mit einem Kompromiss. Bei der kleinsten Unsicherheit sollen wir Klaus fragen, ansonsten selbst entscheiden. Haut hin für mich.
Gehen wir wieder zum Playersmeeting. Es ging schnell rum. Keine größeren Fragen wurden gestellt.
Dann ging das Warten auf die Paarungen los. Nervosität macht sich breit, auch bei uns Schiedsrichtern. Diese geht aber auch schnell wieder rum. Dann machen der DSB und FIDE Präsident zusammen den ersten Zug. Ich stelle fest, dass ich in meinem Bereich gar keine Paarungen habe. Zunächst unterstütze ich die Kollegen, dann stellen wir fest, das der Deputy bei den Zuschauermassen gar nicht an seine zugewiesenen Bretter unterhalb der Bühne kommt. Plötzlich habe ich in der ersten Runde vier absolute Top Bretter zu betreuen. Zwei davon beende ich mit der Aussage „Flag“. Ansonsten fange ich an auf Englisch zu denken. Ab jetzt geht es Schlag auf Schlag. Paarungen holen, Spieler setzen, Runde schiedsen, Ergebnisse eintragen. Ein Volunteer pendelt zwischen Turnierbüro und Bretter und überbringt die Ergebnisse zum Pairing Officer. Zum Schluss noch Ergebnislisten zum Crosscheck abgeben. Turniersaal wieder vorbereiten und von vorne. Ab der zweiten Runde habe ich noch eine Bretterreihe von Jürgen (Klüners) übernommen. Für den Rest des Tages beaufsichtige ich also die Brett 9 – 12 und 17 – 20. Das ist Top.
Kommen wir zum Schach: In der zweiten Runde mein Peter Leko, sein König würde wackeln. Ich besorge ihm einen Neuen und spielt Remis. Peter Svidler hat die Sportart gewechselt und kegelt am Nachbarbrett Grischuks Figuren um. Allgemeines Gelächter und den Spielern. Gaudi!
Die Runde 3 ist für den Schiedsrichter ereignislos. Schachlich aber sehr krass. Svidler opfert bereits in der Eröffnung eine Qualität, verliert die spannende Partie jedoch. Ivanchuk hat einen Turm mehr, aber der König ist auf der Flucht quer übers Brett und findet kein Versteck. Die Partie endet im Dauerschach mit Remis. Grischuk spielt eine Partie im Stiele der alten Meister, verliert das sizilianische Gemetzel jedoch.
Runde 4: Nix los. Ich werde Müde. Ich habe die längste Partie Onischuk hat das gewonnene Endspiel auf dem Brett. Der Freibauer wird einziehen. Ich werde bleich, denn er nimmt die falsche Dame in die Hand. Er kommt jedoch nicht mehr dazu diese einzusetzen und mich damit zu zwingen seine Partie zu nullen. Sein Gegner gibt vorher auf. Glück gehabt. Auf zur letzten Runde.
Runde 5: ich drehe am Rad! An meinen Brettern sitzen nebeneinander Anand, Krammnik, Svidler und Bacrot. Anand gibt sein Turmendspiel auf. Sein Gegner versteht im ersten Moment nicht. Freut sich dann aber umso mehr. Ein paar Zuschauer müssen zur Räson gebracht werden. Dann ist der Tag endlich vorbei. Es bleibt noch das Vorbereiten des nächsten Tags. Gegen 21 Uhr gibt es Abendessen. Das Runterkommen dauert. Ich falle gegen 1 Uhr ins Bett. Der nächste Termin ist um 12:30 Uhr zum Arbitermeeting.

Montag, 4. Tag
Ich beginne wieder mit dem Rückblick auf gestern. Wir haben pünktlich angefangen. Im Arbiters Meeting habe ich diesmal den hinteren Bereich bekommen. Zwölf Bretter anstatt acht wie gestern betreuen ist deutlich mehr Arbeit. Bekommt man aber alles hin. Es gab keinen Streit, deutlich weniger Zuschauer aber immer noch Spieler, die ich aus der ersten Bundesliga kenne. Unter anderem treffe Ich Ilja Schneider, Dennes Abel und andere Berliner Jungs an ihren Brettern. Eine nette Truppe, aber sie gibt mir wenig zu schreiben. Meine Füße beginnen zu schmerzen. Beim Abendessen habe ich mich abgeseilt. Ich möchte nicht zum dritten mal ins Paulaner. Stattdessen war ich zum ersten mal in meinem Leben kambodschanisch Essen. Es war Lecker, aber nichts besonderes. Gegen halb eins geht es ins Bett. Geweckt wurde ich heute morgen wieder um sieben von der S-Bahn vor meinem Fenster. Das Ding nervt.
Ich gehe zum frühstücken. Anschließend stehen einkaufen und die Reinigung auf dem Programm. Neben dem Hotel war eine Reinigung, aber diese war zu langsam. Daher musste ich zu einer Schnellreinigungskette. Mit dem Taxi bin ich zur Friedrichstraße. Anzug und Hemden abgeben, schnell einkaufen gehen und mit dem Taxi wieder zurück. Bisher hat mich die Reinigung mit Fahrten 43 € gekostet. Naja, schauen wir mal was der Tag sonst so bringt.

Dienstag, 5. Tag
Gestern ging die Schnellschach-WM zu Ende. Sieger wurde der Titelverteidiger Magnus Carlsen. Es machten sich jedoch bei einigen Spielern deutliche Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Peter Svidler stellt in der vorletzten Runde einfach einen Springer ein und gibt sofort auf. Bacrot wird in der letzten Runde in rund zehn Minuten überspielt und gibt ebenfalls auf.
Viel wurde gemacht, noch mehr eindrücke wurden gewonnen. Es ist für mich nun Zeit für ein erstes Fazit. Beginnen wir mit dem Schiedsrichterteam: Wir haben ein tolles Team und arbeiten sehr gut zusammen. Dennoch haben wir alle unterschiedliche Erfahrungen und dementsprechend unterschiedliche Vorstellungen, wie man was verbessern kann. Auch das Team dessen Aufgaben werden unterschiedlich gesehen. Ich bin gespannt, wie sich das heute im Blitzturnier mit viel mehr und viel enger getakteten Runden einspielt.
Das Orga-Team: Mit denen hatte ich bisher wenig zu tun. Sie sind aber immer nett und helfen mit bei meinen Fragen schnell weiter.
Die Turnierorganisation: Damit meine ich Technik, Logistik, Informationsfluss und -verarbeitung. Es fällt mir schwer hier ein Urteil zu fällen. Auf der einen Seite ist es so, dass die Spieler ordentliche Bedingungen haben und den vielen Zuschauern wirklich was geboten wird. Aber gerade im Zuschauerservice gibt es deutliches Verbesserungspotential. So haben die Zuschauer keine Chance an Getränke zu kommen.
Alles in Allem habe ich in diesem Turnier unheimlich viel gelernt. Aber natürlich bin ich der Meinung, dass ich alles besser gekonnt hätte. Diese Meinung haben übrigens die meisten Meiner Kollegen auch. Nur denken wir immer alle wären in ihrem Tun frei. Nein! Wir müssen an die Sponsoren denken, gleichzeitig an die Offiziellen der FIDE und an vieles mehr gedacht werden. Es sind Verträge vorhanden, die eingehalten werden müssen und vieles mehr. Hier gibt es so viele unterschiedliche Interessen, dass es an ein Wunder grenzt, dass es überhaupt solche Turniere gibt. Mit dieser Einsicht gehe ich heute ins Blitzturnier.

Mittwoch, 6. Tag
So langsam wird es anstrengend. Zunächst das Positive. Wir sind auch bisher ohne Appealscommitee durch gekommen, auch wenn einer der Deputies eine Fehlentscheidung getroffen hat. Diese wurde von Klaus korrigiert und es gab auch nur einige Minuten Verzögerung. Dann hat aber auch noch in der selben Runde die Technik gestreikt. So haben wir etwa 20 Minuten verloren. Ist halt so. Wie lief es bei mir?
Viel gelaufen, viele Zeitüberschreitungen festgestellt (ist ja seit Juli 2014 Aufgabe des Schiedsrichters auch im Blitz). Es gab aber keinen Streit. Ein Brett habe ich falsch aufgestellt und eine Uhrwippe stand falsch. Das haben die Spieler aber alles ohne mich hinbekommen. In der 11. Runde habe ich tatsächlich eine Reklamation wegen dreimaliger Stellungswiederholung gestellt bekommen. Dank der Liveübertragung konnten ich dem Antrag stattgeben und die Partie endete Remis. Heute geht es in die letzten Runden. Ich bin froh, wenn es vorbei ist, auch wenn es ein grandioses Ereignis war. Am Abend soll eine Abschlussveranstaltung stattfinden mit allen Schiedsrichtern und dem Orga-Team. Das ist mir eigentlich nicht so recht, da ich packen muss, aber wir werden sehen.

Donnerstag, Rückfahrt
So das Turnier ist zu Ende. Weltmeister im Blitzschach wurde Grischuk, was mit donnerndem Applaus unter den Zuschauern gewürdigt wurde. Ich sitze im Zug zurück nach Offenburg.
Die letzten zehn Runden gingen fast problemlos und ereignislos über die Runden. Ich hatte eine Berührt-Geführt Reklamation, die ich wirklich nicht mitbekommen habe. Da aber der reklamierende Spieler eh eine Gewinnstellung hatte war die Lage trotz negativem Bescheids meinerseits schnell wieder beruhigt. In der letzten Runde hatte ich noch ein Kuriosum. Ein Großmeister reklamiert, dass sein Gegner vor zwei Zügen einen irregulären Zug gemacht habe. Dies hat sein Gegner auch eingeräumt. Was soll er auch tun, bei Liveübertragung. Weiterspielen war trotzdem die richtige und auch akzeptiertet Entscheidung, da ja bereits ein weiterer Zug gemacht wurde.
Die gemeinsame Abschlussveranstaltung war etwas chaotisch, aber herzlich und schön.
 

Jetzt habe ich knapp zwei Tage zum ausspannen und anschließend geht es nach Dresden.





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